Lora

 

Der Loren, von der Grosswies aus gesehen, am rechten Bildrand der Näppenrain.

 

Am Fusse des sonnenreichen, anmutigen Sulzberges befand sich eine Quelle, aus welcher man, je nach ihrer Ergiebigkeit gute oder Hungerjahre vorauszusagen glaubte. Diese Quelle hielt man auch für mineralhaltig, und es ist leicht möglich, dass der Name "Sulz" von dieser Quelle hergeleitet ist.
In alter, grauer Zeit wohnte hier Balz von Sulzberg, welcher ausgedehnte Güter besass. Ein einziges Kind hatte ihm sein Weib geschenkt. Er nannte es Lora. Es war wohlgestaltet, kräftig und schön; mutig und kühn stand es dem Vater zur Seite. Sie opferten den Göttern und lebten in Frieden.

Viele Leute aus nah und fern kamen der Quelle wegen zu ihnen, und zufolge ihrer Gastfreundschaft standen sie weit herum im besten Rufe. Mit dem Nachbar Ruosso, der ebenfalls viele Güter besass, lebten sie in bester Freundschaft, und es war kein Wunder, dass der Sohn des Ruosso und Lora einander lieb gewannen.
Auf der anderen Seite des wildtobenden, über Felsen stürzenden und durch Schluchten schäumenden Waldbaches, oben auf dem Berg, stand eine Ritterburg. Da wohnte ein Zehntgraf, ein stolzer, gewaltiger Mann, der es mit Sitten und Anstand nicht genau nahm. Er hatte es auch auf Lora abgesehen. Um diese zu seiner Geliebten zu machen, schloss er mit dem Teufel einen Bund. Der musste ihm zunächst am Felsabhang eine Brücke bauen über den Bach. Drum heisst diese Brücke die Teufelsbrücke.
Der Teufel kam in Gestalt eines figelanten Burschen ins Haus des Sulzbergers und fand bald grosses Zutrauen bei Vater und Tochter. Er schmeichelte vorzüglich der Lora und meinte, sie sei im weiten Umkreis die schönste und begabteste Jungfrau; sie sei zu etwas Höherem geboren, und mindestens ein Graf wäre ihrer wert. So wurde der Hochmut in Loras Herz gepflanzt. Als nun der Graf selbst in blendender Kleidung vorüberritt, grüsste er sie recht freundlich, und sie erwiderte den Gruss zuvorkommend.
Es blieb aber in Zukunft nicht beim Vorüberreiten. Ein zutrauliches Verhältnis entwickelte sich, welches immer traulichere Formen annahm und zuletzt zu geheimen Zusammenkünften führte, die in einer Grotte abgehalten wurden, oberhalb der Teufelsbrücke. - Mit Ruosso pflegte Lora ihr Liebesspiel weiter.
Einst verfolgte dieser auf der Jagd einen Hirsch und kam zufällig zu jener Grotte. Er blickte ahnungslos hinunter, wo er zu seinem Schrecken just Lora in den Armen des Grafen liegen sah. Die Wut liess ihn nicht lange überlegen. Er spannte seinen Bogen und schoss den Pfeil auf den Räuber seiner Liebe ab. Das Geschoss traf aber die Geliebte tödlich und nicht den Grafen. Dies bemerkend, stürzte sich Ruosso voll Verzweiflung über den Felsen in die Tiefe, wo er zerschellte.
Dem Grafen, dem das Schicksal den Tod so entsetzlich nahe vorbeigeschickt hatte, wurde unheimlich zumute. Er überliess die Burg ihrem Schicksal und zog in die Welt hinaus. Auf dem Gewässer, das von Lora den Namen erhielt, spukte ihr Geist jahrhundertelang als Wassernixe. Der Teufel schnürte seinen Ranzen und zog befriedigt über seinen Erfolg von dannen, um wieder anderswo törichte und eitle Menschen irrezuführen.

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Die Niederschrift der Lora-Sage von Hans Jakob Schellenberg im Jahrbuch des Vereins.